Sonntag, 16. November 2008

73: Gegenüberstellung

Vor einiger Zeit wurden bei einigen amerikanischen Verkehrsbetrieben unbestuhlte Wagen eingeführt, als Versuch, die ölpreis- und wirtschaftskrisenbedingten Fahrgastzuwächse in den Griff zu bekommen. Wenn man davon einmal absieht, sitzt man im Schienenverkehr, besonders auf längeren Strecken, gemeinhin, wozu mehr oder minder bequeme Sitzgelegenheiten vorgesehen sind.

Nun ist es so, dass Züge häufig die Fahrtrichtung wechseln, man also in einem und demselben Wagen einmal vorwärts und einmal rückwärts fahren kann. Die salomonische Lösung, einfach Längsbänke einzubauen, kommt zwar bei der Berliner U-Bahn gerade wieder in Mode, ist aber nicht besonders bequem und hat eigentlich nur den Vorteil, dass mehr Fußboden für Stehplätze frei bleibt.
Also baut man die Wagen so, dass die Hälfte der Sitze nach vorne, die andere nach hinten ausgerichtet ist. Damit Vorwärts- wie Rückwärtsfahrende auch auf beiden Seiten aus den Fenstern schauen können, unterteilt man den Wagen meistens quer und nicht längs. Und man streut hin und wieder Vierersitzgruppen, gerne mit Tischen, ein. Heraus kommt die typische deutsche Sitzlandschaft. Eine Variation mit recht fantasievollen Sitzanordnungen in »kleinen Großräumen«, kombiniert mit Abteilen, bieten die alten InterRegio-Wagen. Durchgesetzt hat sich diese sehr großzügige Anordnung allerdings letztlich nicht.
Anderswo gibt es, so ich mich recht erinnere, auch Großraumwagen, die auf der einen Seite des Gangs vollständig vorwärts reihenbestuhlt sind und auf der anderen rückwärts. Eleganter gelöst ist das Problem in Japan, wo bei vielen Zügen die Sitzreihen alle in dieselbe Richtung zeigen wie in Bus oder Flugzeug und vom Personal an den Endbahnhöfen umgedreht werden. Ich bin noch nie in Japan Bahn gefahren und gehe davon aus, dass dies nur auf Verbindungen so gemacht wird, die nicht über Kopfbahnhöfe führen.
In der Schweiz dagegen ist der Standard, was man hierzulande aus älteren S-Bahn-Fahrzeugen kennt: Die Vis-à-vis-Bestuhlung, bei der der gesamte Wagen ausschließlich mit Vierersitzgruppen bestückt ist. Dies hat nun den Vorteil, dass sich niemand mit einem Klapptischchen herumärgern muss, ist allerdings nicht ganz so raumeffizient wie die Reihenbestuhlung. Was nun angenehmer ist, daran scheiden sich die Geister - hier stößt man gegebenenfalls mit dem Knie an die Lehne der Vorderfrau, dort muss man mit seinem Gegenüber die Beine sortieren. Auch ist das gezwungene Gegenübersitzen mit Fremden auf kurze Distanz etwas, was bereits im neunzehnten Jahrhundert als gewaltige Nervenbelastung geschildert worden ist. Zwar ist man heute nicht mehr ohne Fluchtmöglichkeit miteinander in einem Abteil eingeschlossen wie vor hundertfünfzig Jahren, aber heute wie schon seinerzeit gilt, dass man in der Bahn hauptsächlich liest, um präventiv den Blickkontakt und das Gespräch mit anderen zu vermeiden.

Was ich bei alledem auch nach Jahren noch nicht so ganz verstehe, ist, warum es vielen Menschen beim Rückwärtsfahren schlecht wird (oder sie dies zumindest glauben). Gibt es dazu medizinische Erkenntnisse?

Bild: Ashley Pollak bei Flickr (Details und Lizenz)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Es gibt auch Zuege, etwa in Spanien, bei denen man selber die Sitzlehne umklappen kann - wodurch sich die Sitzrichtung aendert!

mawa hat gesagt…

Das wusste ich noch nicht. Die Sache mit dem umklappbaren Sitz kenne ich nur vom Mercedes F 700. Ich hatte aber überlegt, ob es sich lohnt, die Drehsessel in manchen älteren Club- und Panoramawagen zu thematisieren ... oder gar die programmgesteuerten Schwenksitze im Gotthard-Jubiläumszug :)