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Dienstag, 22. Mai 2007

11: Punkte, Stellen und andere Orte

Prellblog 10 hat die Aufmerksamkeit des Blogs "Leberecht 2.0" der Nassauischen Neuen Presse gefunden, wo Volker Thies mich als "Eisenbahnfreak" bezeichnet. (Wenn das so wäre: Wo ist dann mein Stoffbeutel? Wo ist meine Digitalspiegelreflex? Wo ist meine Modellbahn? Und vor allem: Warum habe ich dann kein Auto?) Jenseits dessen aber führt er mich zur Unterstützung seiner Argumentation gegen den ICE-Bahnhof Limburg Süd an. Ich möchte darauf gar nicht weiter eingehen, sondern nur die folgende Stelle als Aufhänger für den Artikel dieser Woche nutzen:

Der eine oder andere mag bereits bemerkt haben, dass ich nicht unbedingt zu denen zähle, die den Schnellzug-Haltepunkt, oh pardon, “ICE-Bahnhof Limburg (Süd)” natürlich, für eine sinnvolle Einrichtung halten.
Volkers Ausdrucksweise entspricht einer Usance, die mir nun schon öfter in der Presse begegnet ist. Dort ist "Haltepunkt" eine Art despektierliche Sammelbezeichnung für Verkehrsstationen ohne Empfangsgebäude, für Fernzughalte ohne Großstadtcharakter und für alles andere, was man für Defizienzmodi eines Bahnhofs zu halten scheint, geworden. Das beißt sich leider etwas mit dem offiziellen Sprachgebrauch bei der Eisenbahn in Deutschland. (In Österreich und die Schweiz ist alles etwas anders und sei außen vor gelassen.)
Der Unterschied zwischen Bahnhof und Haltepunkt ist nämlich ganz klar definiert. In einem Bahnhof können Züge halten, beginnen, enden, wenden, sich kreuzen und überholen. Dazu braucht man mindestens eine Weiche; die Minimalkonfiguration eines ganz normalen Durchgangsbahnhofs hat davon zwei und schließt damit ein Überholgleis an das durchgehende Hauptgleis an. Limburg Süd und Montabaur haben jeweils sogar zwei durchgehende Hauptgleise und zwei Überholgleise und einiges an Weichen und sind damit ganz eindeutig Bahnhöfe. Das ginge auch gar nicht anders, weil mit 300 km/h befahrene durchgehende Hauptgleise nicht an Bahnsteigkanten vorbeiführen dürfen. Das ist nur bis 200 km/h erlaubt, in Ausnahmefällen mit 230 km/h, und aufwändige Sicherungsmaßnahmen sind dafür von Nöten.
Ein Haltepunkt ist jedoch einfach ein Punkt der freien Strecke, wo Züge beginnen, enden und halten können. Keine Weichen, keine Signale, nichts, höchstens ein Vorsignalwiederholer, falls der Haltepunkt im Bremsweg vor einem Hauptsignal liegen sollte und es daher sinnvoll ist, das vor lauter Halten eventuell abgelenkte Lokpersonal daran zu erinnern, ob es am nächsten Signal überhaupt durchfahren darf.
Ob ein mehr oder minder hübsches, mehr oder minder frequentiertes Bahnhofsgebäude daneben steht, entscheidet in keiner Weise darüber, ob es sich um einen Bahnhof oder einen Haltepunkt handelt. Der Dammtorbahnhof in Hamburg ist ein Haltepunkt, und viele unbesetzte und architektonisch unauffällige Verkehrsstationen auf dem Land sind Bahnhöfe.

Was alle miteinander sind, sind Betriebsstellen. Und das sind definitionsgemäß alle Stellen, die keine freie Strecke sind und wo irgendwie der Verkehr geregelt wird.
Zu Zeiten, da Züge noch von Schlackebrocken spuckenden Wärmekraftmaschinen märchenhaft schlechten Wirkungsgrades gezogen wurden, hieß dies stets ein Häuschen mit mindestens einem
Bahnbediensteten, typischerweise inklusive Dienstwohnung, Kleingarten und Eisenbahnerziege. Heute heißt es ein wesentlich kleineres Häuschen, meistens vorgefertigt und in einem Stück per Autokran aufgestellt, in dem Elektronik und eine Menge Kabel stecken. Die Vielfalt der Betriebsstellen ist ganz erklecklich, gibt es doch neben Bahnhöfen und Haltepunkten auch noch Blockstellen, Deckungsstellen, Abzweigstellen und Anschlussstellen. Die letzteren beiden lassen ein anderes Gleis in eine Strecke einmünden und enthalten daher logischerweise auch mindestens eine Weiche. Halten dort auch Züge, ist also ein Haltepunkt mit einer Abzweigstelle oder Anschlussstelle verbunden, spricht man von einer Haltestelle.
Was eine Weiche hat, ist somit nie ein Haltepunkt.

Bild: Calum Davidson ("ccgd") bei Flickr (Details und Lizenz)

Donnerstag, 5. April 2007

4: Echt schnell

Der französische Gleisnetzbetreiber RFF, die Staatsbahn SNCF und der Bahntechnikkonzern Alstom feierten vorgestern den neuen offiziellen Eisenbahn-Geschwindigkeitsweltrekord des TGV (574,8 km/h). In Spanien werden planmäßige Züge bald 350 km/h fahren. Passend dazu behandelt das Prellblog heute Thomas' Frage, ob man im Personenverkehr mit »mehr echten Hochgeschwindigkeitsstrecken« Zuwächse erreichen könnte.
Was ist eine echte Hochgeschwindigkeitsstrecke? Und bringen mehr davon mehr Personenverkehr auf die Schiene?

Grober Konsens ist, dass man bei fahrplanmäßig deutlich über 200 km/h von Hochgeschwindigkeit spricht, also bei allen neuen deutschen Fernstrecken und den Ausbauabschnitten Hamburg-Berlin und Köln-Aachen. Im Bau sind die Strecken Nürnberg-Halle/Leipzig, Augsburg-München und der Katzenbergtunnel. Fest geplant sind die restlichen Ausbauabschnitte der Rheintalbahn und die Neubaustrecke Stuttgart-Ulm. All das ist sehr teuer (siehe Prellblog 21).

Die zweite Antwort ist hochkompliziert. Prinzipiell animieren kürzere Fahrzeiten Leute zum Zugfahren; leider gehört dazu oft, mit Städten das zu machen, wofür sich das Wort »abhängen« eingebürgert hat, da Fahrzeit und Kundenzahl im Einzugsgebiet der Halte meistens umgekehrt proportional sind. Dass Deutschlands längste Hochgeschwindigkeitsstrecke über Göttingen führt, finden manche sinnlos - andere stört, dass sie keinen Schlenker über Frankfurt macht.
Fundamentalisten meinen ohnehin, dass alle nötigen Fernstrecken bereits vor 1973 existierten und man sie nur hätte ausbauen müssen. Geschwindigkeiten über 160 km/h gelten als tendenziell unnötig, auf Hinweise auf die abenteuerliche Trassierung der Strecken aus dem 19. Jahrhundert reagiert man mit dem Ruf nach Neigetechnik. Mehr Fahrgäste auf die Schiene holen will man über niedrigere Fahrpreise und mehr Service.
Dagegen stehen die, die gerne den Erfolg des TGV in Frankreich nachvollzögen: Mehr Fahrgäste durch mehr Schnellstrecken, weniger Zwischenhalte, beim Streckenneubau keine Rücksicht auf den Güterverkehr oder kleinere Städte.
Bei beiden Seiten ist jedes Argument wegen deutscher Besonderheiten anfechtbar (das Thema wird Prellblog noch lange begleiten). Einig ist man sich, dass man einen integrierten Taktfahrplan braucht, wie er seit 1971 stufenweise realisiert wird. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Status quo vielleicht doch nicht so verkehrt ist.

Die Verkehrssteigerungen der letzten Jahre verkraftete das Netz unter Ächzen. Wenn die Eisenbahn weiter Marktanteile zurückholt, wird es noch enger. Streckenneu- und -ausbau sind unvermeidlich, und es ist vielleicht sinnvoller als es anfänglich aussieht, mit Großprojekten die Knoten durchzuschlagen, als immer weiter Flickwerk zu betreiben, vor allem, weil Dauer und Kosten der Planung genauso berücksichtigt werden müssen wie die des Baus. Und wenn man in großen Maßstäben denkt, kann man auch gleich für den Hochgeschwindigkeitsverkehr planen.
Insofern bin ich vorsichtig, zum Beispiel die beliebte vernichtende Kritik an der Strecke Nürnberg-Halle/Leipzig zu teilen. (Man sieht dort zugegebenermaßen auch deutsche Ingenieurshandschrift: Einen kreuzungsfreien Abzweig mitten in eine mehrere Kilometer lange Talbrücke zu bauen, fällt gewissermaßen in die Kategorie »irgendwo muss ja der Spaß herkommen«.)

Letztlich lautet die Antwort: Ja. Für mehr Verkehr braucht man vernünftige Ausbauplanung, und das heißt, auch Schnellstrecken.

Dieser Artikel ist der Beginn einer Serie zum Thema im Ressort »Hochgeschwindigkeit«.

Bild: Encino bei Wikimedia Commons (Details und Rechtefreigabe)