Dienstag, 19. Januar 2010

120: Und sind immer schneller da

Wer zu bestimmten Zeiten einen Zug der autonomen DB-Tochter Kurhessenbahn nimmt, um zum Beispiel von Marburg nach Biedenkopf zu fahren, mag eher überrascht dreinschauen: Man steigt in einen der nicht mehr ganz taufrischen Triebwagen der Baureihe 628, wie sie vor Entstehen eines offenen Marktes für Nahverkehrsfahrzeuge ubiquitär waren, und wird trotzdem mit nagelneuen Sitzen im DB-Regio-Design konfrontiert. Vor allem aber fehlt ein Viertel der Bestuhlung: Links des Mittelgangs gibt es in einer Hälfte des Zuges zwar noch normale Zweiersitze, doch rechts verläuft nur eine Reihe von Klappsitzen unter den Fenstern, garniert mit diversen Zurrösen.
Hier ist Platz für Fahrräder. Der ungewöhnliche Umbau trägt dem immensen Fahrradtourismus im Lahntal Rechnung, der früher in Hochzeiten für chaotische Zustände gesorgt hat. Er ist damit sichtbares Resultat eines Trends, der Potenzial für noch ganz andere Veränderungen birgt: Nicht nur von Touristen werden immer mehr Fahrräder in Züge mitgenommen, die Kombination aus Zug und Fahrrad ist auch im Berufspendelverkehr immer beliebter.

Das mag nicht jeder. Vor allem schlecht vorbereitete Radwandergruppen können mit Leichtigkeit mal eben fünf Verspätungsminuten generieren, wenn sie es nicht hinbekommen, ihre Fahrzeuge ausreichend flott und geschickt in die Züge zu hieven. Manche wissen nicht, wo der Wagen mit dem Mehrzweckraum ist und verladen ihr Rad in Wagen, die dafür eigentlich keinen Stellplatz haben. Menschliche Dramen ereignen sich in und an kleineren Aufzügen, wo Räder teilweise schräg oder gar senkrecht gestellt werden müssen und dann den Aufzug komplett blockieren, der sonst mehr Reisende aufnehmen könnte. Und obwohl es auf DB-Bahnhöfen verboten ist, kommt es doch vor, dass in Eile das Rad auf dem Bahnsteig oder in der Unterführung auch einmal fahrend statt schiebend bewegt wird.
Kritisch wird es im Stadtverkehr - in der Berliner S-Bahn hat man durch Einbau von mehr Klappsitzen und deutliche Markierung der Fahrradräume für mehr Kapazität gesorgt, anderswo (so im Rhein-Main-Gebiet) gibt es öfters Spannungen, wenn versucht wird durchzusetzen, dass Fahrräder keine Sitzplätze blockieren sollen.
Die Lösung, das Rad nur an einem Ende der Fahrt zu benötigen und am Bahnhof abzustellen, ist nicht für alle gangbar und benötigt, wenn viele auf dieselbe Idee kommen, große Radparkhäuser beziehungsweise Fahrradstationen, wie man sie zum Beispiel in Göttingen oder Ingelheim am Bahnhof findet. Sich an beiden Enden je ein Rad zu halten, ist zwar effektiv, aber nicht für alle erschwinglich, sofern man nicht auf Schrotträder zurückgreift, und gerade an gute Fahrzeuge gewöhnte Vielfahrerinnen lehnen es ab, für die Hälfte ihrer Strecken nur ein Primitivfahrrad zu haben. Die vielfach, allen voran von der Deutschen Bahn selbst, propagierten Mietradmodelle à la Call-a-Bike und StattRAD werden zwar interessanterweise massiv von Pendlern genutzt, sind aber nicht überall verfügbar und bringen zusätzliche Formalitäten und Einschränkungen.
Man nimmt also sein Fahrrad mit. Das kostet im Nahverkehr manchmal, manchmal auch nicht, und die Tarife unterscheiden sich. Im DB-Fernverkehr kann man Fahrräder gleich nur eingeschränkt mitnehmen. Während in den InterCitys reservierungspflichtige Fahrradplätze (meist in den Steuerwagen) vorhanden sind, herrscht in den ICEs striktes Fahrradverbot; nur Klappräder (der Enthusiast spricht vornehm vom Faltrad) können als Traglasten mitgenommen werden und erfreuen sich daher bei Hardcore-Bahn- und -Radfahrerinnen stetig wachsender Popularität.

Was die Fahrradmitnahme zu so einer heiklen Sache macht, ist neben dem unentspannten Ton, der von Fahrradenthusiasten nicht nur in dieser Sache oft gepflegt wird, die wirtschaftliche Problematik: ein Fahrradstellplatz müsste sehr teuer in der Nutzung sein, um die Einnahmen aus den Sitzplätzen wieder einzuspielen, die ihm weichen mussten. Im bestellten Nahverkehr kein Problem; im eigenwirtschaftlichen Fernverkehr eher schwierig. Auf absehbare Zeit wird sich daher vermutlich nicht viel ändern, und die salomonische Formulierung der EU-Verordnung 1371/2007 lässt nicht darauf hoffen, dass sich die Fahrradmitnahme im Fernverkehr universell durchdrücken lassen wird:

Die Eisenbahnunternehmen ermöglichen den Fahrgästen die Mitnahme von Fahrrädern im Zug, gegebenenfalls gegen Entgelt, wenn sie leicht zu handhaben sind, dies den betreffenden Schienenverkehrsdienst nicht beeinträchtigt und in den Fahrzeugen möglich ist.
Bild: Andrew Ciscel bei Flickr (Details und Lizenz)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Leider muß ich bestätigen, daß Radfahrer in der Bahn entweder recht ungeschickt oder recht dreist sein können, indem sie beispielsweise den Fluchtweg des Lokführers versperren.
Andererseits ist der Zustieg mit einem normalen Herrenrad bei manchen Fahrzeugen durch Stangen in der Tür extrem erschwert.

Einen Fahrpreisaufschlag von 50% für die Fahrrad- oder Kinderwagenmitnahme fände ich recht und billig.

Im Fernverkehr fehlt nach wie vor der Gepäckwagen, wie ihn die ÖBB selbstverständlich anbieten.
Denn auch im Fernverkehr gilt, daß der Zug seltenst vor der Haustür hält. Mobilität vor Ort ist ein großer Vorteil und die stinkenden, lauten Busse mit den klebrigen Haltestangen mag man nicht nutzen, zumal das Preissystem eines längeren Studiums bedarf.

Nebenbei ist das Fahrradfahren auch noch recht gesund und umweltfreundlich obendrein.

Christoph Moder hat gesagt…

Das klingt ja fast so, als seien Fahrräder in Zügen fast nur Hindernisse. Aber eigentlich ergänzen sich Fahrrad und Zug sehr gut; die Stärke eines schnellen öffentlichen Verkehrsmittels ist es nun einmal, Verkehrsströme zu bündeln, und dazu wird an den Endpunkten ein effizienter Zubringerverkehr benötigt, wenn der Zeitvorteil einer guten Bahnverbindung nicht an den Endpunkten wieder verloren gehen soll. Wenn Individualverkehr, dann ist ein Fahrrad ein guter Kandidat. (Auto = mit Kanonen auf Spatzen; Inline-Skates, Kickboard = eher nicht praxistauglich, nach meiner Erfahrung.) Eigentlich sollte es also im Interesse der Bahn sein, das Fahrrad als ideale Ergänzung zum Zug zu fördern. Auch, weil Radfahrer meist treue Bahn-Kunden sind.

Wie beschrieben ist es umständlich, mehrere Fahrräder an den Endbahnhöfen zu platzieren - kosten Geld, und wollen alle gewartet werden. Leihfahrräder sind auch nicht das Gelbe vom Ei, man will doch sein eigenes maßgeschneidertes Gerät haben. Höchstens, wenn wirklich an jeder Ecke Leihfahrräder stehen, wäre es eine Alternative; aber wenn man, bevor man 10 Minuten radelt, erst einmal suchen muss, wo man ein Leihfahrrad bekommen kann, ist es uninteressant.

So gesehen ist ein Faltrad wirklich die beste Wahl; sowohl für den Fahrgast (= weniger sperrig) als für das Bahnunternehmen. Entsprechend dürfte die Bahn mit ihrem ICE-Fahrradverbot Schuld am momentanen Faltrad-Boom sein.

Dass sie nicht massenhaft Sitzplätze für Fahrräder opfern wollen und auch keine Verspätungen durch die Verladung riskieren wollen, ist verständlich - daher verstehe ich, dass die Bahn Fahrradstellplätze knapp halten will. Allerdings würde ich mir mehr Flexibilität und Pragmatismus wünschen. Dass man im Fernverkehr überhaupt kein (nicht faltbares) Rad mitnehmen darf, ist schade; besser wären ein paar Klappsitze wie im TGV. Ist sonst etwas pervers, dass man ansonsten ausgerechnet das Flugzeug nehmen muss, um auf langen Strecken das Fahrrad mitnehmen zu können. Es geht ja darum, dass nicht Massen von Radfahrern einzelne Züge blockieren - da wäre es gut, wenn man einfach den nächsten Zug nehmen könnte, wenn der vorige schon voll ist (und man keine Reservierung hat). Aber das verhindert ja diese unselige Zugbindung. Wie wäre es denn mit einer Mitnahme einer Handvoll Fahrrädern in jedem Fernverkehrszug außerhalb des Berufsverkehrs?

Und kann mir jemand erklären, warum die Mitnahme von Fahrrädern mit 20-Zoll-Rädern kostenlos ist? (Ein Freund von mir hat ein Tandem mit 20"-Rädern, das ist ein echtes Monster.) Hier treibt die Regulierungswut wieder seltsame Blüten. Im Gegensatz dazu sind Fahrrad-Tickets in vielen Ländern unbekannt, da zählt das Rad einfach als Gepäckstück.

Christoph

mawa hat gesagt…

Ich befürchte, dass die "erste und letzte Meile" mit dem mitgenommenen, nicht faltbaren Fahrrad nie ein Massenphänomen werden können wird. Dafür passen einfach nicht genügend Fahrräder in einen Zug, und dafür sind die Fahrgastwechselzeiten zu kurz. Auch mit Fahrradmitnahme im ICE würden sich Klappräder weiter verbreiten, denn die sind wirklich die Lösung für das Problem. Ein Chorkollege von mir hat ein Qualitätsklapprad, das ist schon eine beeindruckende Sache, nur eben teuer.

Anonym hat gesagt…

Ein gutes Faltrad mit richtigem Getriebe, Lichtanlage und richtigen Bremsen kostet bei
http://velowerk.ch
etwa 5.000 Euro.
Das ist in etwa das, was ein durchschnittlicher Studi für seine Snowboardausrüstung, seine Stereoanlage oder seinen "PC" ausgibt. Also, ich finde, damit kann man leben.

Übrigens ist die "20-Zoll-Regel" in Deutschland illegal. Ex falso ...

mawa hat gesagt…

Ich glaube, dass diese Einschätzung des Konsumverhaltens "durchschnittlicher Studis" grob falsch ist; ich bin immer ein materiell sehr gut gestellter Student gewesen und hatte dennoch nie Spielraum für Anschaffungen jenseits von 1000-1500 Euro. Allerdings bekommt man natürlich auch gute Klappräder weit unter dem genannten Preis.

Christoph Moder hat gesagt…

Huiuiui, 5000 EUR für ein Faltrad, dazu auch noch ein Ex-Dahon (die Billigmarke schlechthin). Die lassen sich ihre Arbeit gut bezahlen. Da kauft man lieber ein Original-Dahon, baut die besten Komponenten dran, die man nur kriegen kann, und landet immer noch "erst" bei ungefähr 3000 EUR. (Und wenn ich ein gutes Rad habe und viel fahren kann, brauch ich auch keine Snowboardausrüstung.)

IMHO ist gute Qualität bei Fahrrädern unverzichbar (schneller, zuverlässiger, mehr Spaß, mehr Sicherheit); 2000 EUR ist da sehr angemessen. Hängt aber von der Fahrweise ab; wenn man, wie ich, immer flott unterwegs ist, bekommt man die Teile viel schneller kaputt als Langsamfahrer.

Hans Bonfigt hat gesagt…

Lassen wir das mit dem Studi-Einkommen, das scheint auch fachspezifisch zu sein:
Die mir bekannten Studis an der Sporthochschule Köln geben Kurse in "Aerobic"-Läden und kommen damit ganz gut klar.
Mir ist auch völlig schleierhaft, weshalb das "Patria"-Reiserad meiner Frau ebenfalls 4.000 Euro kosten mußte, hochgerechnet wäre dann ein "Fiat Panda" für zehn Millionen zu haben. Leider mache ich die Preise nicht.
Aber nach zehn Jahren eifrigen "Hybrid-Fahrens" (typischerweise 15 Km zum Bahnhof und 10 bis 40 Km zum Reiseziel) habe ich die Erfahrung gemacht, daß
- eine normales Reiserad keine Option ist wegen der Verwahrlosung und Ausdünnung des Fernverkehrs mit Fahrradmitnahme
- ein Faltrad nur genutzt wird (man möchte ja auch nach der Anreise vor Ort mobil sein), wenn es sich fährt wie ein Fahrrad und nicht wie ein Gokart.
- ab einer gewissen Körpergröße viele günstige Modelle schlicht zu klein sind
- Getriebe mit hohem Übersetzungsbereich und standhafte Bremsen einfach dazugehören, wenn man Ziele beispielsweise im Allgäü besuchen möchte
- nur wirklich einfache Syteme ohne labberige Kettenspannrollen, Setenläuferdynamos und ähnlichen Unrat bahngeeignet sind. Alles andere geht oft kaputt und man dreckelt unsozial die Züge damit ein

Da wird dann die Luft sehr eng, zumal wenn man bedenkt, daß leicht 5.000 Km pro Jahr mit so einem Faltrad zusammenkommen.

Die Kombination Fahrrad/Bahn ist ausgesprochen gesund und auch ökologisch ein Gewinn, denn die stinkenden, lauten Busse sind eine ungemeine Belästigung der Allgemeinheit.

"Schlechtes Gewissen" wegen des in Anspruch genommenen Platzmehrauswandes habe ich dagegen nicht, wenn die Bahn ihre Plätze ökonomischer nutzen will, kann sie ja die Kindermitnahme kostenpflichtig machen und das Mitführen der rollenden Panoramaeigenheime verhindern, die ohnehin in den ICEs schon aus Sicherheitsgründen nix verloren haben.
Auch die Schülerfahrkarten sind stark subventioniert, auch hier könnte durch Preisvereinheitlichung mehr Ökonomie erreicht werden.
Warum darf ein Berufstätiger, der für sein Fahrrad und für sich bezahlt, nicht den gleichen Platz beanspruchen, wie ihn die subventionierte Schülergruppe oder die Mutti mit mobiler Vollausstattung mit selbstverständlicher Attitüde okkupieren ?

p.s.:
Die Blogsoftware unterschlägt meinen Namen, Hans Bonfigt, und schreibt stattdessen "Anonym".

mawa hat gesagt…

Ich weiß bereits aus anderem Kontext, dass deine Wahrnehmung von Universitäten durch die Kölner Sporthochschule beeinflusst, um nicht zu sagen, völlig verzerrt, ist, aber danke, dass du es explizit machst. Was den Namen angeht, vermute ich einen Bedienfehler, da es ja jetzt offenbar geklappt hat, aber ich erkenne dich auch ohne Namen ganz gut am Stil.

Hans Bonfigt hat gesagt…

Die ersten beiden Kommentare schrieb ich mit einem mobilen Gerät, mit abgeschaltetem Javascript (ansonsten stürzt der Safari auf dem E90 beim Textumbrechen ab).
Die Bedienung der Seite war in allen drei Fällen gleich.

mawa hat gesagt…

Ach so. Ja, das wird wohl an Blogger liegen.

Andersreisender hat gesagt…

Ich genieße es vor allem in den Sommermonaten, das Fahrrad mit der Bahn mit zum Arbeitsplatz zu nehmen und dann am Abend mit dem Rad gemütlich nach Hause zu fahren. Solang das nicht zu viele Radfahrer gleichzeitig machen, funktioniert die Logistik einwandfrei.

Schwieriger wird es, wenn eine Gruppe Radfahrer, die außerhalb ihrer Tour sonst nie Züge nützen, die Bahn stürmen. Wie Du bereits geschrieben hast, artet das dann oft in Chaos und Verspätung aus.

Etwas umständlich finde ich die Hänge-Haken in den Cityshuttle-Zügen der ÖBB. Auch wenn dadurch Fahrräder sehr platzsparend transportiert werden können, erfordern sie doch einiges an Kraft und Geschick, um das Fahrrad dort einzuhängen.